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17. Feb 2018

Busbegegnung

5.32 Uhr. Sieben Minuten später als sonst steuerte Hannes den Schulbus aus dem Depot. Alles nur, weil die Birne des linken Scheinwerfers durchgebrannt war. Halb so wild, dann müsste er heute ausnahmsweise mal etwas über das Tempolimit hinausfahren. Wenn er innerhalb der Kulanzgrenze bliebe, würde schon niemand etwas sagen.

Die Straße durch das Waldstück lag noch verschlafen in der Dunkelheit. Nur zwei entfernte Rücklichter waren zu sehen. Hannes genoss die Stille des Morgens und sah auf die Uhr.

5.44 Uhr, es wäre doch gelacht, wenn er wegen einer kaputten Birne zu spät käme. Die Rücklichter kamen langsam näher. Ein Blick auf den Tacho. 52, alles im grünen Bereich. Als er den Kopf hob, stieg er auf die Bremse. Der Bus ruckelte und quietschte und kam schließlich zischend zum Stehen.

Die entfernten Rücklichter waren alles andere als entfernt. Kurz vor der Schnauze des Busses leuchteten sie und legten einen roten Schein auf die Szenerie. Auch waren es keine Rücklichter, sondern vielmehr zwei riesige Kugeln, die knapp über der Fahrbahn schwebten und die Straße blockierten.

Einen Moment geschah nichts. Die Kugeln surrten, der Motor des Busses blubberte und Hannes saß da und traute seinen Augen nicht.

Die linke begann stärker zu vibrieren. Sie öffnete sich und gleißendes Licht ergoss sich auf den Asphalt.

Eine Gestalt materialisierte sich. Grau-grün, nicht sehr groß, aber mit einem langen Hals stand sie auf der Straße und blinzelte Hannes an. Der starrte mit offenem Mund zurück. Er beobachtete gebannt den Außerirdischen, als dieser mit wippenden Kopf um den Bus herumging. Der Fliegerhelm auf dem kleinen Haupt reflektierte den Schein der UFOs, als der Besucher schließlich vor der Tür des Busses stand und durch die Scheibe schaute.

Pock – pock – pock, klopfte er an das Glas. Der Busfahrer zögerte. Warum er schließlich die Tür öffnete, wusste er auch nicht.

Die Füße des Außerirdischen klatschten leise auf jeder Stufe, die in den Bus führten. Er stellte sich neben Hannes und legte den Kopf schief. Neugierig beäugte er ihn. Dann öffnete er seinen gelben Overall ein wenig und wühlte darin herum. Er holte ein kleines technisches Gerät hervor. Nach langem aufgeregten Wischens auf diesem, hielt er es an das Armaturenbrett, wo es kleben blieb. Auf seiner Vorderseite leuchtete eine Straßenkarte, auf der die Position des Busses mit einem blauen Dreieck markiert war.

Der Alien tippte darauf. Die Lichter des Busses flackerten kurz und das schwere Fahrzeug begann langsam zu rollen. Hannes trat auf die Bremse, aber nichts geschah. Die Kugeln verschwanden mit einem leisen Plop.

„Was soll das?“ Er schaute auf den Besucher herab. Der erwiderte stumm den Blick und legte dann seine Hand auf Hannes rechtes Knie.

Es fühlte sich an, als ob sein Bein von einer Maschine auf das Gaspedal gepresst wurde. Der Bus beschleunigte zunächst zögerlich, nahm aber bald eine unzähmbare Geschwindigkeit auf.

60 – Hannes stemmte seinen linken Fuß auf die Bremse. Vergebens.

70 – Er zog an der Handbremse.

80 – Hannes kannte die Strecke auswendig und die nächste Kurve würden sie mit der Geschwindigkeit nicht schaffen.

Der Alien löste Hannes Sicherheitsgurt.

„Warum tust du das?“

Der Außerirdische schaute ihm in die Augen und schloss das Visier seines Fliegerhelms, bevor er seinen Blick wieder unbeirrt nach vorne wandte.

Hannes kurbelte wie wahnsinnig am Lenkrad. Riss es nach links, drehte nach rechts, aber nichts was er tat, hatte Einfluss auf den Bus. Der prallte ungebremst auf den alten Ahorn am Straßenrand.

Der Baum fraß sich durch die Stoßstange und den rechten Kotflügel. Er verschluckte sämtliche kinetische Energie. Newtons Gesetz wurde gnadenlos auf die beiden Insassen angewandt.

Die Frontscheibe zersplitterte, als sie von Hannes Kopf getroffen wurde. Sein Körper wurde aus dem Bus geschleudert, knallte gegen die zerrüttete Motorhaube und blieb schließlich im Gras liegen. Keine Sekunde später fiel der Alien auf ihn und prallte ab. Er setzte sich auf und schüttelte den Kopf, bevor er sich zu dem verdrehten Busfahrer wandte. Er besah dessen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck, stand auf und beugte sich über ihn. Sein langer Finger berührte die Stelle an, der der Knochen aus dem Oberschenkel hervorguckte und drückte darauf. Hannes schrie vor Schmerz, aber es war nur ein heiseres Röcheln, das aus seiner Kehle kam.

Der Alien hob sein Handgelenk, drückte einen Knopf auf seiner Armbanduhr und sprach hinein: „Subjekt hat Aufpralltest nicht bestanden.“

6.22 Uhr. Hannes Welt wurde schwarz.

1 comment

  • Kerstin blaehr

    toll toll toll

    Reply to Kerstin blaehr

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