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22. Okt 2018

Der große Kürbis

Pelt saß unter der alten Eiche, unter die er vor dem Regen geflüchtet war und starrte auf das Feld, das vor ihm in der Nacht lag. Er zog den Kragen seines Parkas zusammen und rutschte ein wenig tiefer in die Mulde zwischen den Wurzeln des Baumes.

Der Regen ließ nach und versiegte zu einem Nieseln. Die Nacht war nun still. Hin und wieder fiel ein verspäteter Tropfen mit einem leisen Platsch auf den Boden. Ein Luftzug raschelte im Blattwerk oder im Feld, sodass es sich anhörte, als stolpere dort jemand durch die Dunkelheit.

Pelt kramte eine Flasche Korn aus der Tasche und versuchte sich daran zu wärmen. Als er sie geleert hatte, schleuderte er sie ins Feld. Sie traf etwas, das quiekte, und fiel zu Boden. Ein dumpfer Schlag auf feuchte Erde und alles war wieder still. Pelts Nackenhaare stellten sich auf. Er richtete sich auf und starrte in die Dunkelheit. Die klamme Kälte war vergessen. Ein Auto preschte auf der Landstraße über ihm durch den Nieselregen. Seine Scheinwerfer erhellten das Feld, in dem Kürbisse nass blitzen, wie orangene Köpfe. Dann war alles wieder dunkel und still. Die Kühle kroch zurück in Pelts Jacke und schüttelte ihn.

„Du wirst verrückt alter Junge“, versuchte er sich zu beruhigen und lehnte sich an den Stamm der Eiche. Er schloss die Augen. Lieder und Glieder waren schwer. Es kostete ihn wenig Mühe, in den Dämmerzustand zu verfallen, den er seitdem er auf der Straße lebte, Schlaf nannte. Ein Zustand, der sich anfühlte wie Schlaf, doch die Träume bestimmte die Realität. Es war lebensnotwendig jederzeit mitzubekommen, was um einem herum geschah; zu spüren, wenn Streuner einem zu nahe kamen, zu riechen, wenn Junkies in der Nähe waren. Man musste die Schritte hören, die sich anschlichen, sowie jetzt; die Schritte, die dumpf und schwer durch das Feld auf ihn zukamen.

Pelt schreckte auf und stierte in die Dunkelheit. War dort eine Silhouette? Wieder dieses Kribbeln im Nacken, wo die Angst kitzelte.

„Hey, ist da jemand?“, fragte er die Nacht, aber bekam keine Antwort. Seine Hand tastete über dem Boden, auf der Suche nach irgendetwas werfbarem. Er fand einen Stein und schleuderte ihn ins Feld. Er traf etwas, prallte ab und fiel irgendwo raschelnd ins Nichts. Der Lichtschein eines Autos huschte vorbei. Da war tatsächlich jemand. Eine schwarze Gestalt erhob sich aus dem Meer aus grün und orange, wie eine Wolke aus Nebel. Dunkelheit. Das Auto war fort. Pelt sah nichts mehr, hörte nur die schweren Stiefel auf sich zukommen. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust und schnürte ihm die Kehle zu. Er wollte wegrennen, aber seine Beine waren steif, vor Kälte, Alkohol und Angst.

„Pelt? Pelt, bist du das?“

Pelt kannte diese Stimme. „Karl?“

„Pelt, was machst du denn hier so weit ab von der Stadt?“

„Ich … äh, wolltest du nicht nach Westen?“

„Ach, Westen, Osten alles gleich. Hier.“ Karl hielt Pelt eine Dose Bier vor die Nase. Pelt nahm sie mechanisch entgegen. Er hatte Karl das letzte Mal im Sommer gesehen. Sicher war es nicht gerade gestern gewesen und dennoch hätte er nicht gedacht, dass sein alter Kumpel so viel abnehmen würde. Und war er nicht größer? Er konnte sein Gesicht unter dem breiten Hut in der Dunkelheit nicht erkennen, aber dieser abgeranzte Mantel war Karls.

„Bist ja nicht weit gekommen“, sagte Pelt und öffnete das Bier.

„Fand’s hier irgendwie schön.“ Karl zog eine zweite Dose aus dem Mantel und setzte sich zu seinem Freund. „Ich habe eine verlassene Hütte im Wald gefunden. Da ist ein Bach, wo ich mich waschen kann und ich kann hier jagen.“ Er prostete Pelt zu. Die Dosen machten ein trauriges dumpfes Geräusch, als sie sich berührten. „Nicht mehr betteln, keiner guckt komisch … Hier will einem keiner was.“

Pelt nahm einen tiefen Schluck aus der Büchse. Das Bier war kalt und frisch und kroch seine Kehle herunter. Ob er das auch erjagt hat? Gepflückt vielleicht vom Dosenbaum.

„Ich habe jetzt wieder ein Zuhause, Pelt … Wenn du willst, kannst du mitkommen. Wir können dort zusammen leben.“

Pelt schluckte. Ein Zuhause. Das hatte er lange nicht mehr, einen Freund seitdem Sommer nicht. Aber jagen und fischen? Er war ein Stadtmensch. Er wollte sich eines Tages wieder auf die Füße gezogen haben. Das ging hier draußen nicht. Er schüttelte den Kopf. Hier rauszukommen war eine dumme Idee gewesen.

„Danke Karl, aber ich muss zurück.“

Karl packte ihn am Arm. Fast schmerzhaft umschlossen ihn schlanke starke Finger. „Du musst gar nichts Pelt. Komm mit mir, wir werden frei sein.“

„Danke, wirklich.“ Pelt versuchte, seinen Arm aus Karls Griff zu lösen, aber der ließ nicht locker. Ein vorbeifahrendes Auto erhellte Karls Gesicht. Gänsehaut. Pelts Atem blieb ihm im Rachen stecken. Grünes Haar wandte sich unter Karls Hut hervor, in dicken wirren Zotteln. Sein Gesicht war aufgedunsen und orange. Die Augenhöhlen leer und der Mund zu einem schwarzen Grinsen verzogen.

Pelt spürte etwas das Bein hinauf kriechen und sich fest um den Knöchel legen, wie eine Schlinge. Die Steifheit seiner Glieder war vergessen, Pelt sprang auf und wollte rennen. Die Schlinge um sein Knöchel ließ nicht nach, zog ihm das Bein unter dem Körper weg und er knallte mit dem Gesicht auf den Boden. Er wollte sich irgendwo festhalten, bohrte die Finger in den Schlamm, während Kürbis-Karl ihn in das Feld zog. Dicke ledrige Blätter klatschten Pelt ins Gesicht. Dreck schob sich nass und kalt in seine Klamotten. Seine Füße wurden in ein Loch gezogen und er schrie. Feuchte Erde umschloss seine Beine, Brust und Arme, als wolle sie ihn zerquetschen. Alles Strampeln und Kämpfen half nicht. Das Feld hatte sich um seinen Hals gelegt und er sah nichts mehr außer Kürbisse, orange und hässlich.

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