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20. Apr 2018

Der letzte Morgen

Es war eine düstere Novembernacht und Cavan war allein zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Cavan wälzte sich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als er spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Er öffnete die Augen und sah, dass draußen helllichter Tag war. Eine grelle gelbe Sonne stand hoch am Himmel und warf ihr Licht durch das Fenster.

Die sofortige Panik verschlafen zu haben katapultierte ihn aus dem Bett. Der Wecker war ausgefallen und sein blindes Display verweigerte ihm Auskunft über die Uhrzeit. Während Cavan durch sein Haus eilte, zog er Hose und Hemd vom Vortag an und riskierte einen Genickbruch, als er sturzartig die Treppe hinunter stolperte.

Auch die Küchenuhr hatte ihren Dienst versagt, so rannte er hinaus. Eigentlich brauchte er keine Uhr, denn der Stand der Sonne ließ keinen Zweifel übrig, dass er schon viel zu spät zur Arbeit kommen würde.

Bei dem Sprung von der Veranda zog er den rechten Schuh an und hüpfte dann auf einem Bein die Straße herunter, um den Linken anzuziehen.

Als er schließlich wieder beide Beine benutzte, um zu rennen, trat er mit dem rechten Fuß auf die Schnürsenkel des Linken. Dann flog er.

Er sah noch unter sich den Grünstreifen vorbeihuschen, dann traf er auf den Asphalt der Straße. Vor seinen Augen tanzten rote Flecken, sein Kopf dröhnte und in seinen Ohren trieb eine laute langgezogene Hupe ihr Unwesen.

Er rollte sich auf die Seite und erkannte, dass die Hupe weniger in seinen Ohren war, als montiert in dem Bus, der zischend versuchte zum Stehen zu kommen, bevor er ihn überrollte.

Cavan schrie. Der Bus quietschte. Es war als ob sich die Zeit verlangsamte. Cavans Blick schärfte sich. Kleine Splittkrümel flogen in Zeitlupe, von den Reifen katapultiert, zur Seite. Cavan versuchte sich aufzurichten und aus dem Weg zu springen. Mittlerweile war das Geschehen so langsam, dass es fast ein Standbild war, als der Bus ihn erfasste und durch ihn hindurch rauschte.

Als Cavan wieder auf die Beine gekommen war, sah er an sich herab, darauf gefasst seinen Körper in Trümmern zu sehen, obwohl er keinen Schmerz empfand.

Cavan war unversehrt. Er stand in der Mitte der Straße und musste sich abtasten, um auf Nummer sicher zu gehen. Aber da war nichts. Kein einziger Kratzer.

Wesentlich kurioser jedoch war, dass da auch kein Bus mehr war. Mehrere Male drehte er sich um sich selbst, aber da war nichts. Dieses riesige gelbe Ungetüm von einem Fahrzeug war einfach verschwunden.

Er musste träumen.

„Ich träume!“ Ein lautes hysterisches Lachen floh aus seiner Kehle. Er ließ seinen Blick gleiten. Alles schien normal zu sein. Die Sonne schien auf seine Nachbarschaft. Das Gras war unglaublich grün, die Häuser unglaublich weiß, dennoch spürte er, dass etwas anders war. Es war ruhig. Sehr sehr still. Die Luft bewegte sich nicht und es drang nicht der geringste Geruch in seine Nase. Wieder lachte er. Das war sein Traum. Hier konnte er machen, was er wollte. Was er auch gleich ausprobierte. Er ging zu dem Haus seines Nachbarn und trat die Tür ein, rannte in den oberen Stock und kletterte aus dem Fenster auf das Dach. Von hier aus konnte er die gesamte Nachbarschaft überblicken, wie sie totenstill unter dem fahlen Himmel lag. Auch wenn er wusste, dass ihm nichts passieren würde, kostete es ihn einiges an Überwindung im hohen Bogen vom Dach zu springen. Als seine Füße die Schindeln verließen und er den Zug der Schwerkraft spürte, sank sein Herz in seine Hose. Dies war ein Traum, er hätte fliegen sollen. Doch tatsächlich stürzte er und das nicht gerade langsam. Er schlug hart auf der Einfahrt auf, doch spürte er keinen Schmerz. Er prallte wie ein Flummi ab und schoss wieder in die Höhe. Jetzt flog er wirklich. Er flog immer höher. Oder war er einfach nur sehr hoch gesprungen?

Er landete sanft auf dem Mittelstreifen der Hauptstraße. Am Rand parkten ein paar Autos, aber es war niemand zu sehen. Alle Geschäfte waren dunkel und ausgestorben.

Die Tür zum Süßigkeitenladen war verschlossen, also schlug Cavan das Fenster mit einem Backstein ein, der auf der Straße lag. Das Zersplittern des Glases war seltsam dumpf, dafür waren die Süßigkeiten umso süßer. Fast schon schmerzhaft verklebte ihm der Zucker den Mund und die Finger, aber das störte ihn nicht. Dies war sein Traum und er würde diesen ganzen Laden aufessen! Bunte Bonbons stoben durch den Raum wie Konfetti. Er schmiss mit Lakritze um sich. Ein Schokohase zerplatzte unter seiner Faust in tausend Teile. Sein irres Lachen zerschnitt die Stille. Er war gerade dabei M&Ms mit beiden Händen in seinen Mund zu schaufeln, als ihn ein Räuspern innehalten ließ.

Es kam von der Tür her, der er den Rücken zugewandt  hatte. Seitdem er zu träumen begonnen hatte, hatte Cavan nicht mehr so ein klares Geräusch gehört. Langsam drehte er sich um und richtete sich auf. Die Tür stand offen und gleißendes Sonnenlicht umspielte eine Silhouette.

Der Schatten trat einen Schritt vor und es war, als hörte er Hufe auf den Dielen. Noch einen Hufschlag und er konnte die Züge der Gestalt erkennen, obgleich die Sonne immer noch um sein Haupt tanzte. Es war ein großer hagerer Mann. Er stand aufrecht und stolz in seinem schwarzen Anzug vor Cavan und blickte ihn aus dunklen Augen an. Seine Wangen waren eingefallen und Schatten lagen unter seinen Augen.

„Wer bist du?“, fragte Cavan mit vollen Backen und biss von einer Tafel Schokolade ab.

„Willkommen auf der anderen Seite.“

„Du bist mein Unterbewusstsein wa’? Und jetzt willst du bestimmt, dass ich was Tiefgründiges aus diesem Traum lerne.“ er musste aufstoßen.

„Dies ist kein Traum, Cavan.“

„Quatsch, wenn das kein Traum ist, bedeutet es ja nur, dass ich tot bin.“

Der Mann verzog keine Miene und trotzdem kam es Cavan vor, als verspottete er ihn.

„Ich bin tot?! Nein, ich bin doch nicht tot … Oh Gott, ich bin im Schlaf gestorben?!“

„So ähnlich.“ Er reichte ihm eine Zeitung, die er aus der Innentasche seines Anzugs zog.

„Dann bin ich im Himmel?“

„Sieh’ dich um, dann weißt du es.“

Cavan drehte sich um sich selbst. Mittlerweile stand er wieder inmitten der Hauptstraße. Die stumpfe Stille beunruhigte ihn. Er sah nach rechts. Alle Farben waren verblasst. Er blickte nach links. Die reglose Luft, die nach nichts roch raubte ihm den Atem. Dann senkte er den Blick und sah auf die Zeitung in seiner Hand.

„… Der Bus konnte nicht mehr bremsen und überrollte den gestürzten C. K. Make.“

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