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23. Sep 2019

Lead The Way

Nun stand ich hier, wie frisch aus dem Busch gekrochen, vom Leben ausgespuckt, in eine fremde Welt. Gestern noch saß ich auf einer zugigen Ölplattform im Ozean, umgeben von Betonköpfen und Hartnacken. Ich beendete meine 14-Stunden-Schicht und stieg in den Helikopter, um zu verschwinden – wieder einmal.

Jetzt war ich hier, vor dem Hauptgebäude der Uni und fühlte mich fehl am Platz. Überall Menschen, junge Menschen, Menschen mit Zukunft. Akademiker, hasteten kreuz und quer an mir vorbei. So viel Trubel war ich nicht mehr gewöhnt. Ich war die Zivilisation nicht mehr gewöhnt.

Ich sah auf die Campuskarte in meiner Hand und wusste nicht, wo ich hin sollte. Eigentlich wusste ich nicht mal, wo ich hin wollte, oder was ich hier wollte. Warum war ich zurückgekommen? Konnte ich das? Sesshaft sein? Nach all der Zeit, die ich unterwegs war? Studieren? Nach all den Jobs, die ich geschmissen hatte? Nochmals sah ich auf das Schauspiel, des Universitätsalltags, das sich vor mir abspielte und auf das Schreiben von der Schule, das mir beschrieb, wo ich die Schlüssel für mein Zimmer abholen konnte. Ich schüttelte den Kopf. Der Streuner in mir drückte auf den mit „Flucht“ gekennzeichneten Knopf. Ich zerknüllte den Brief und drehte mich zum Gehen um, dabei rannte ich sie fast über den Haufen. Sie schaute aus Kitzaugen zu mir herauf.

„Hi!“

„Äh … hi?“, antwortete ich.

„Komm’ ich zeig dir, wo das Student Office ist.“

Ihre Stimme war klar und fröhlich und ließ keinen Widerstand zu, so war ich im Nu in ihrem Schlepptau. Glücklich brabbelnd bugsierte, Vick mich durch die Gänge und als sie mich vor dem entsprechenden Zimmer absetzte, wusste ich schon den Großteil ihrer Lebensgeschichte. Sie verabschiedete sich und einen Moment hing mein Blick an ihren Rockzipfeln, bis sie um eine Ecke bog.

Zwei Tage später, ich saß in meinen zerknitterten Klamotten in der Kantine und versuchte mich daran zu gewöhnen, dass mein Leben plötzlich einfach war, sah ich sie wieder. Sie klapperte – nein, sie schepperte ihr Tablett auf den Tisch und zog es geräuschvoll darüber, bis sie mir gegenüber saß. Für einen Moment sah sie mich an und hackte ihre Tomaten zu Salat, bis schließlich die andere Hälfte ihres Werdegangs aus ihr heraus floss.

„Bei meiner Oma hat es früher gespukt.“

Meine erste Reaktion war, ein verwundertes Gesicht zu machen, was ich gut hin bekam. Meine zweite Reaktion war vorsichtiges Gelächter. Das klappte weniger.

„Ja, als Kind hatte ich auch eine blühende Fantasie.“

„Nein, wirklich. Und zu Hause passieren auch komische Sachen. Ich glaube, das ist meine tote Mama.“

Darauf wusste ich keine Antwort. Mein Gehirn ging mehrere Möglichkeiten durch, aber jede endete im Desaster. Ich blies Luft hinter die Lippen.

Ihr Kichern klang erfrischend, wie das Gurgeln eines jungen Baches. Sie kniff die Augen zusammen, als wäre es eine ungeheure Anstrengung, nicht sofort in Gelächter auszubrechen. Diesmal war der Ausdruck meines Erstaunens perfekt.

„Du siehst aus wie ein Äffchen.“ Sie zwickte mir in die Wange, wie es meine Oma früher tat, und hackte ihren Tomatensalat noch ein wenig kleiner.

Wirtschaft 101 hatte ich verpasst und für Personalwesen war ich spät dran, dafür hatte ich das erfrischendste Mittagessen seit Langem. Als ich sie vor ihrem Hörsaal absetzte, fragte ich sie, ob wir nicht mal etwas trinken gehen wollen. Warum ich das tat? Keine Ahnung. Ich hatte schon vor einer Stunde aufgehört alles unter Kontrolle zu haben.

„Gerne.“ Damit verschwand sie im Klassenzimmer.

Gut gelaunt schlich ich mich in Personalwesen. Erst jetzt realisierte ich, dass ich außer ihrem Namen nichts wusste. Keine Nummer. Keine Adresse. Nicht einmal einen Termin hatten wir ausgemacht. Mist!

Zwei Wochen lang lief ich über den Campus und traute nicht zu blinzeln. Jeden Tag aß ich zur gleichen Zeit am selben Tisch. Ständig schlich ich an dem Hörsaal vorbei, wo ich sie das letzte Mal sah. Erst in der dritten Woche, als ich schon aufgegeben hatte, riss mich ihr helles, fröhliches „Hi!“ aus den Gedanken. Ich saß auf einer Bank und träumte. Es kam mir vor, als hätte sie sich neben mir aus Luft manifestiert.

Ihre Verhörkünste waren geschickt. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich meinen Lebenslauf präsentiert. Wir saßen keine halbe Stunde dort und sie kannte ihn besser als ich.

„Ich dachte, wir wollten mal was trinken gehen?“ Damit wechselte sie das Thema so plötzlich, dass mir schwindelig wurde.

„Öh … ja.“

„Na dann hol mich doch heute nach der letzten Vorlesung ab.“ Diesmal ließ sie mich wissen wann und wo das sein würde.

Unweit der Uni war ein Irish Pub mit dem originellen Namen „The Irish Pub“. Dort bestellten wir zwei Bier und unterhielten uns. Sie kuschelte sich in meinen Arm, um mir Fotos von allen ihren Freunden und deren Kindern, Katzen und Küchengeräten zu zeigen. Sie war warm und ihre braune Mähne roch nach Kokos – nicht aufdringlich, nur ganz dezent.

Wir hatten so viel Spaß, dass wir zu mir gingen damit sie auch mal das beste Sandwich der Welt (meines!) kosten konnte. Die Nacht hindurch unterhielten wir uns über die Essenz von Senf, die Absurdität von Vollkorn und die Flexibilität von eingelegten Gürkchen. Ihre Oma war vom Land, weshalb Vick bestens qualifiziert war mir ein Referat über die gravierenden Unterschiede in Gurken zu halten. Als wir zum Abschied an der Tür standen, wurde es bereits hell.

„Was ist das eigentlich für ein hässliches Teil?“, sie deutete auf die olivgrüne Wurst, die in der Ecke stand.

„Der ist doch nicht hässlich! Das ist mein Seesack. Da ist mein ganzes Leben drin.“

„Ah … Willst du den nicht langsam mal auspacken?“

„Wenn ich Zeit habe.“

Um uns zögerte die Welt für einen Moment. Vick sah mich lang und innig an. Wie ein Blinder reichte ich ihr die Hand und wünschte ihr eine gute Nacht. Es dauerte einige Nächte voller alberner Fotos und billiger Horrorfilme bis, sie mich zum Begreifen zwang:

„Du hast ja immer noch nicht ausgepackt!“, sagte sie, als wir wieder früh morgens an der Tür standen.

„Ich hatte ja auch immer noch keine Zeit.“

Sie kicherte und schüttelte den Kopf. Es trat Stille ein. Sie strich mir über die Wange und griff meinen Kinnbart. Ihr Kuss war zärtlich und intensiv. Zwei Tage dauerte er oder so kam es mir vor. Sie löste sich von mir und schritt kichernd auf den Gang. Ich blieb zurück und starrte in den Flur hinaus.

Die Erkenntnis kam wie ein Tsunami über mich und schlug mir mit aller Macht ins Gesicht. Vick war witzig und voller Lebensfreude. Ich wollte mit ihr zusammen sein. Ich wollte es wirklich, doch konnte ich das? Ich hatte es ja nicht mal geschafft meine Tasche auszupacken. Jeden Tag stand ich davor und überlegte, was ich hier tat. Jeden Tag spielte ich mit dem Fluchtgedanken. Ich konnte ihr das nicht antun. Ich konnte ihr nicht Geborgenheit vorgaukeln, bis der Tag käme, an dem ich meinen Reflexen nicht mehr widerstand. Wie konnte ich ihr geben, was sie wollte, wenn ich nicht einmal wusste, was ich wollte. Sie war so fröhlich und voll Neugierde, ich durfte nicht ihre Zeit vergeuden. Also tat ich, was ich am besten tat: Zerstören.

Im „The Irish Pub“ nahm ich ihr Herz und zerbrach es. Ich sah die Wut, den Schmerz und die Abscheu in ihren Augen. Es tat mir leid, aber es war das Beste. Ich war so aufgewühlt von meiner Untat, ich brauchte eine Zigarette. Rastlos streunte ich durch die Nacht, bis ich einen Automaten fand. Einen Fünfer hatte ich nicht, deswegen fütterte ich die Maschine mit einem Zehner, die spuckte zwei Kartons aus. Mist! Ich hatte gedacht, das Gerät würde wechseln. Ich fummelte eine Ziggi aus der Box und ließ den Rest liegen. Nur nicht rückfällig werden. Zu Hause kämpfte ich, um die Kippe auf der Herdplatte anzuzünden, denn ich hatte alle Feuerzeuge aussortiert. Es dauerte eine Unendlichkeit bis die beruhigende Droge in meine Lungen drang. Ich schaltete das Radio ein, lehnte mich zurück und während Smokie zynischerweise sangen „If you think you know how to love me“ schaute ich dem Rauch zu, wie er in der Dunkelheit an die Decke stieg.

Am nächsten Mittag weckte mich ein Hämmern an der Tür. Es schlug ein schmerzhaftes Echo in meinem Kopf. Meine Kehle war Sandpapier. Ich stolperte über die leere Whiskyflasche, schaltete das Radio aus und öffnete die Tür. Es war Vick. Ich hätte es wissen müssen, war es doch ihre Hartnäckigkeit und der Wille sich zu nehmen, was sie wollte, das mich beeindruckte.

„Ich will noch mal mit dir reden.“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, ging an mir vorbei, setzte sich auf das Bett und erzählte. Sie redete viel und lang, darüber wie sie sich fühlte, was sie mir gegenüber fühlte, was sie dachte, wie ich fühle und wie enttäuscht sie war, weil ich das nicht zu fühlen schien. Als sie fertig war, stand sie auf und ging. Ich blieb allein zurück, nur mein Seesack sah mich höhnisch aus seiner Ecke an. Ich packte ihn und beschloss das zu tun, was ich am Zweitbesten tat: Verschwinden.

Warum ich nach drei Tagen wieder in meinem Zimmer stand und ihre Nummer wählte weiß niemand. Und wieso sie so freundlich war, mit mir auszugehen erst recht nicht. Wir trafen uns im Aquarium. Dort zwischen all den Tanks liefen wir stumm, wie Fische umher und versuchten Small Talk zu vermeiden. Ich traute kaum ihr in die Augen zu sehen. Lieber schaute ich der vom Leben gezeichneten Schildkröte zu wie sie in ihrem Bassin schwamm. Da, beobachtet von diesem uralten Geschöpf, im blauen Licht berührten sich unsere Hände.

Ein Schlag durchzuckte mich. Ich glaubte, jeden Moment würde Vick mir die Narben zeigen, die ich auf ihrem Herzen hinterlassen hatte. Stattdessen nahm sie meine Hand in die ihre und ließ sie erst los, als ich, sie brauchte um meine Tür aufzuschließen.

*

Das beste Sandwich der Welt braucht kein Ketchup. Das ist meine Meinung, nicht Vicks. Ihre ist: Alles schmeckt besser mit Ketchup. Diese Debatte dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Zum Abschied küsste sie mich. Ich schaute dumm und sie sagte:

„Du kleiner Affe. Pack‘ endlich deine Sachen aus!“

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