Posted in Geschichten
20. Mrz 2018

Mexiko

Klischeehaft flimmerte die Luft über dem Asphalt. Im Auto war es stickig und roch nach Boon, aber es war immer noch angenehmer, als ein Fenster zu öffnen und die Wüstenluft hereinzulassen. Boon saß vorne und nickte desinteressiert in Juans Redeschwall. Hin und wieder steckte er sich eine Strähne seines langen braunen Haares hinter das Ohr, welche gleich darauf wieder in sein Gesicht fiel. Ich hatte ihn in einer schäbigen Bar in Vancouver getroffen. Er hatte gegrinst. „Alleine reisen ist die beste Art.“ Ich stimmte ihm zu und am nächsten Tag setzten wir unseren Weg nach Süden gemeinsam fort.

Juan hatten wir in einer Gasse in Tijuana angeheuert. Ich frage mich bis heute, wie wenig Risikobewusstsein ich damals besessen hatte. Boon hatte verbissen mit ihm gefeilscht, bis der Mexikaner sich schließlich bereit erklärte, uns für einen lächerlichen Preis in seinem kleinen Honda nach La Paz zu fahren.

Ich saß hinten und starrte in die Einöde, durch die sich eine erstaunliche Menge Fahrzeuge quälten. Hin und wieder fiel mir Stoner Steves Rucksack auf die Schulter und riss mich aus meinen Gedanken.

Stoner Steve versuchte ich schon seit San Francisco loszuwerden, doch wer einmal in Kaugummi getreten ist, weiß wie schwer so etwas sein kann. Eingetreten hatten wir ihn uns in einem Hostel in Seattle. Aus irgendeinem Grund sah er in uns seine besten Freunde und folgte uns seitdem treu wie ein Dackel. Ein nerviger Dackel.

Er wollte sich die Tortur unseres Roadtrips nicht antun, ließ sich aber gerne zum Flughafen chauffieren. Auch hätte er es gerne gesehen, dass  wir sein Gepäck im Auto mitnähmen, damit er sich nicht damit durch die Check-In-Prozedur quälen müsse. Er hatte Boon, der zu nett für diese Welt war, innerhalb von Sekunden soweit gebracht zu sagen: „Null Problemo, wir hab’n noch Platz auf dem Rücksitz. Lass dein Rucksack einfach hier.“

Gerne hätte ich dieses Teil einfach aus dem Fenster geschmissen, aber es war zu groß und zu schwer, und dann würde ich ja doch die Wüstenluft rein lassen. Schlechte Laune hatte ich eh schon, wenn ich an Stoner Steves selbstgefälliges Grinsen dachte, das wir in La Paz wieder einsammeln würden. Das Grübeln, die Monotonie der vorbeifliegenden Kakteen und Juans Gebrabbel ließen mich bald einschlafen.

Ich erwachte durch die Veränderung der Geschwindigkeit, beziehungsweise, durch den dadurch verursachten Fall des Rucksacks auf mich.

Der Verkehr war dichter und langsamer geworden.

„Was ist los?“, fragte ich Juan auf Spanisch.

„Ich weiß noch nicht. Eine Kuhherde vielleicht, ein umgekippter Laster oder ein Checkpoint wahrscheinlich.“

Der Lastwagen vor uns fuhr rechts ran und kam zischend zum Stehen. Jetzt sahen wir die Soldaten in beigen Kampfuniformen, die vereinzelt Fahrzeuge aussortierten, um sie zu untersuchen.

„Keine Panik, wenn sie euch Gringos sehen winken sie uns durch.“

Langsam passierten wir die Schlange der wartenden LKWs. Mehrere Autos vor uns wurde ein roter Kleinwagen raus gezogen. Dann ging es wieder stetig voran. Schleppend zwar, aber wir bewegten uns.

Große Jeeps und ein gepanzertes Angriffsfahrzeug versperrten die Straße, bis auf eine Lücke von der Breite eines Autos. Soldaten mit Maschinengewehren standen bereit. Einer von ihnen, mit einer orangenen Fahne winkte ein weiteres Fahrzeug durch. Auch das letzte bevor wir dran waren durfte fahren, dann hob er die Hand.

Juan fuhr weiter. Hinter dem Checkpoint beschleunigte er.

„Äh, hätten wir nicht anhalten müssen?“, fragte Boon und drehte sich um, um aus dem hinteren Fenster zu sehen.

Unruhe war in die Uniformierten gekommen. Das Panzerfahrzeug war vorgefahren und versperrte jetzt auch den letzten Durchgang. Die Soldaten rannten wild umher und die Jeeps hatten die Verfolgung aufgenommen. Unsere Verfolgung!

„Juan, halt sofort an!“, schrie ich.

Der erste Geländewagen hatte uns bereits erreicht und schnitt uns mit quietschenden Reifen den Weg ab. Juan stieg in die Eisen. Der zweite Jeep kam hinter uns zum Stehen. Für einen Moment geschah nichts. Wir starrten in die Läufe, der auf uns gerichteten Gewehre und trauten uns kaum zu atmen. Das erste Mal seit Tijuana war selbst Juan verstummt.

Vier Soldaten stiegen aus dem vorderen Wagen und kamen mit den Waffen im Anschlag auf unser Auto zu.

„Aussteigen!“, schrie einer, „Hände auf’s Wagendach!“

Langsam, mit erhobenen Händen stiegen wir aus und befolgten den Befehl. Erst nachdem wir gefilzt waren und uns ein neuer Platz weit weg von unserem Auto zugeteilt wurde entspannten sich die Soldaten etwas.

Während der Hauptmann unsere Papiere überprüfte, wurde unser Gepäck aus dem Fahrzeug geräumt und in einer Reihe auf die Straße gelegt. Mehrere Soldaten machten sich daran, das Auto ausgiebig von unten nach oben zu durchsuchen und schließlich wurde ein Spürhund durch den Innenraum geschickt.

Inzwischen mussten wir unsere Taschen öffnen. „Wem gehört dieser Rucksack?“, fragte der Hauptmann.

„Einem Freund. Der ist nicht dabei. Er sitzt im Flugzeug“, antwortete ich.

Plötzlich kehrte die Anspannung zurück. Der Hund hatte angeschlagen.

Der Hundeführer deutete auf Juan und winkte ihn heran. Sie diskutierten wild, während Boon schon seine Sachen wieder einpackte. Mein Seesack wurde noch durchsucht. Dann plötzlich nickte der Hundeführer dem Hauptmann zu. Der gab den Anderen einen Befehl und Juan winkte. „Wir können weiter.“

Boon packte seines und Stevens Gepäck ein, ich sammelte meine Sachen zusammen und wir verschwanden, bevor sie es sich anders überlegten.

„Was war da los?“, wollte Boon wissen, nachdem sich das Adrenalin etwas abgebaut hatte.

„Mordida.“ Juan zwinkerte.

„Was ist das?“, fragte Boon.

„Er wollte nur … eine kleine Spende um uns das Weiterfahren zu … erleichtern, du verstehst Gringo?”

In La Paz lachten wir schon wieder über unser Abenteuer. Vor allem Steve. „Da hab ich ja echt Schwein gehabt, dass sie mein Gras nicht gefunden haben.“

„Du hattest Gras in deiner Tasche?“, fragte Boon.

„Na du glaubst doch wohl nicht, dass ich in Mexiko Drogen in ein Flugzeug schmuggel, oder? Ich bin doch nich’ lebensmüde.“

Einen Moment kostete ich diese Antwort und überlegte, wie sie mir schmeckte. Dann probierte ich, was ich schon seit L.A. probieren wollte, und siehe da: Meine Faust passte direkt auf Stoner Steves Auge.

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