Posted in Geschichten
20. Jan 2019

Sei achtsam

„Wissen Sie was eine Achtsamkeitsübung ist?“, fragt die Therapeutin.

Ich löse den Blick von dem nackten Nagel, der in der Wand der Praxis steckt und schaue zu ihr hinüber, aber sie sitzt mir nicht mehr gegenüber. Sie war wohl aufgestanden, denn sie ist auf der anderen Seite des schlauchartigen Raumes und kramt auf ihrem Schreibtisch herum.

„Hä?“, frage ich und versuche den Nagel zu ignorieren.

„Wir machen heute die sogenannte Rosinenübung.“

„Ja …“, antworte ich, während sie zu der Sitzgruppe zurückkehrt. Sie stellt eine Schale Rosinen auf das Tischchen und fordert mich auf eine herauszunehmen.

„Gerne.“ Rosinen mag ich. Ich greife in die Schüssel, packe eine Handvoll, stopfe sie in den Mund und verschlinge sie schmatzend. Der Blick der Therapeutin lässt mich nicht zweifeln, gerade etwas falsch gemacht zu haben. Ich schlucke. Sie notiert sich etwas, sieht wieder auf und räuspert sich.

„Bitte nehmen Sie EINE Rosine und BEHALTEN sie in der Hand.“

Unsere Blicke trennen sich nicht, als ich vorsichtig in die Schale greife und eine einzelne Rosine herausfingere.

„Sehr gut. Nun beschauen Sie sich bitte die Rosine und versuchen Sie sie zu beschreiben.“

Ich sehe hinunter auf die einsame vertrocknete Traube, die auf meiner Handfläche liegt. Fast schon niedlich sieht sie aus, so verschrumpelt und braun. Ein wenig tut es mir leid, dass sie dort so allein liegt, kurz davor von mir verschlungen zu werden.

„Nehmen Sie die Form war, die Beschaffenheit der Oberfläche.“

Ja, die Form ist rosinig, die Oberfläche rau. Ich drehe die Rosine um. Auf dieser Seite sieht sie genau so aus. Das Muster der Schrumpeln ist vielleicht etwas anders und an dem einen Ende zeigen sich ein paar kleine Höcker, vier um genau zu sein. Ansonsten ist meine Erkenntnis, dass sie auch so herum aussieht wie eine Rosine. Einer der Höcker ist schwarz, nein zwei, nein einer … alle Höcker sind glänzend schwarz und in einer Reihe und damit … blinzelt sie mich an? Sehr unrosinig. Als starre sie mich an. Ein Bild einer schrumpeligen Spinne spukt durch meinen Verstand. Die Rosine blinzelt erneut.

„Jetzt befühlen Sie sie bitte.“

Ich zögere kurz, strecke dann aber den Zeigefinger aus und streichle sanft die Rosine. Erst habe ich den Eindruck, als gefiele es ihr, doch dann durchbohrt ein heißer stechender Schmerz meinen Finger, als hätte mich ein Krebs gebissen. Ich schreie und springe auf, vergesse aber Schmerz und Trockenobst, als ich die streng nach oben gezogene Braue über dem eisigen rechten Auge der Therapeutin sehe. Ich räuspere und setze mich wieder. Betont lässig und mit geübten Lächeln, kraule ich noch zwei mal die Rosine. Das hintere linke ihrer acht Beine klopft entzückt auf meine Handfläche.

„Bitte nehmen Sie die Rosine und halten sie sich ans Ohr um nach Geräuschen zu lauschen.“

Geräusche? Ich schlucke, spüre, wie sich Schweiß auf meiner Stirn bildet. „Was für Geräusche soll eine Rosine schon machen?“, murmel ich und hebe das Schrumpelding mit spitzen Fingern ans Ohr. Stille.

„Sie können auch mal drauf drücken“, sagt die Therapeutin ohne von ihrem Block aufzusehen.

Ich gehorche und lausche. Stille. Ich drücke etwas fester. Die Rosine schmatzt. Ein Geräusch, das mich grinsen lässt, so unerwartet logisch ist es. Natürlich schmatzt eine Rosine, wenn man darauf drückt. Ich probiere es erneut. Schmatz. Schmatz. Schmatz. Diese Übung ist albern, aber sie macht Spaß. Schmatz. Schmatz. Quiek.

Quiek? Hatte die Rosine gequiekt? Ich schaue zu der Therapeutin, aber sie ist in ihre Notizen vertieft.

„Psst“, macht es neben meinem Ohr. Ich zucke zurück, schiebe meinen Sessel unwillentlich ein Stück beiseite. Die Dielen knarren, was die Therapeutin aufblicken lässt. Ich lächle unsicher und sie wendet sich wieder ihrem Block zu.

„Hey!“, flüstert die Rosine zwischen meinen Fingern. Es ist sehr leise und undeutlich, weshalb ich sie näher ans Ohr halte. „Hey“, wiederholt sie „Ich bin’s.“

„Wir kennen uns?“, flüstere ich zurück.

„Sehr gut“, sagt die Therapeutin. „Bitte beriechen sie die Rosine nun. Wie riecht sie?“

Rosinig, denke ich, als ich das kleine Schrumpli unter das rechte Nasenloch halte und tief einatme. Die Rosine stupst kurz meinen Nasenflügel, packt sich ein Büschel Nasenhaare und rupft daran. Es schmerzt, als sie sich daran hochzieht und in meinen Zinken kriecht. Ich atme heftig, kralle mich in die Armlehnen des Sessels. Schweiß fließt mir den Rücken herunter. Ich kneife die Augen zusammen, reiße sie gleich wieder auf, ich halte es nicht mehr aus. Ich schreie. Blut spritzt mir aus der Nase und verteilt sich über die Sitzgruppe. Meine Therapeutin sieht erschreckt auf. Sie starrt mir ins Gesicht und kreischt. Ihr Block und Stift fliegen im hohen Bogen durch den Raum. Sie springt auf, wirft die Arme in die Luft, wirbelt herum und rennt aus der Praxis, wobei sie ihre Schuhe verliert.

„Hey“, sagt eine dumpfe Stimme in meinem Kopf, was die Panik komplett macht. Oh Gott, ich habe eine Rosine im Kopf! Ich will aufspringen und flüchten, aber eine unsichtbare Hand drückt mich in den Stuhl zurück. Ich spüre wie acht dünne Beine durch meinen Kopf rennen. Hinter der Stirn entlang. Mein linkes Auge blinzelt. Die Beine galoppieren nach hinten, mein rechtes Auge verdreht sich. Mein Gesichtsfeld verschiebt sich, ich röchle und sabbere. Etwas klopft von innen an meinen Schädel, nein tritt. Ich fliege, werde aus dem Sessel katapultiert und treffe mit dem Gesicht auf den Beistelltisch. Ich pralle ab und rolle zur Seite, wo ich auf dem Boden liegen bleibe. Schmerz lähmt mich und es dauert einen Moment bis, ich die Augen wieder öffnen kann. Ich blinzle und sehe … mich?

Ich sitze im Sessel und liege auf dem Boden. Hatte die Rosine mich aus meinem eigenen Körper getreten? Mein Körper sieht nicht gut aus. Er sitzt aufrecht, das Gesicht ist blau angelaufen, der Mund weit aufgerissen, die Augen verdreht. Kopf, Arme und Beine zucken spastisch und alles was er hervorbringt, ist ein Röcheln und Schnaufen. Dann richtet er sich plötzlich auf. Ich rutsche auf den Ellenbogen nach hinten um einen sicheren Abstand zwischen mich und … mich zu bringen. Mein Körper setzt sich zuckend in Bewegung. Mit steifen Schritt und unnatürlichen Bewegungen komme ich auf mich zu. Ich versuche aufzustehen und zu fliehen, als ich wieder die Stimme höre. Sie ist nicht mehr in meinem Kopf, sie ist hinter mir, da wo mein Körper ist und sie rollt wie ein Donner durch den Raum.

„Ich bin gekommen, um zu übernehmen.“

„Was?“, wimmere ich, aber ich bekomme keine Antwort. Mein Körper stakst an mir vorbei und durch die Tür, durch welche die Therapeutin verschwunden war. Als er außer Sicht ist, höre ich etwas klappern und umfallen. Die Ärztin kreischt irgendwo. Sie kommt in das Behandlungszimmer zurückgerannt und schmeißt die Tür hinter sich zu, bricht schluchzend davor zusammen. Ich will etwas sagen, aber ich bin gelähmt, außer Atem und vom Schmerz auf dem Fußboden fest gepinnt. Sie hebt den Kopf und sieht mich an, ihr Mascara verschmiert.

„Herr Asool?“ Ihre Stimme ist ruhig, passt so gar nicht zu ihrem verängstigten Ausdruck. „Herr Asool? Sie können die Rosine jetzt essen.“ Ich lasse die Armlehnen los, in die ich mich gekrallt hatte und starre auf den Fleck, von dem ich dachte, ich läge dort. Dann sehe ich auf die Therapeutin. Die adrett geschminkt mir gegenüber sitzt. Ich hole tief Luft. Mein rechtes Nasenloch pfeift leise, mein linkes ist verstopft. „Herr Asool, die Rosine.“ Sie macht eine Geste mit ihrem Stift, die mich dazu veranlasst mein linkes Nasenloch zu befühlen. Eine Rosine steckt zur Hälfte darin. Ich hole sie heraus und stecke sie mir in den Mund. Sie ist rau und runzelig, aber süß und weich, wenn man darauf … Ui, guck mal da steckt ein Nagel in der Wand.

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