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24. Jan 2020

Titus Rollen

Es kam mit der Post: Ein ganz normal aussehendes Paket, ganz normal verpackt. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere, denn es war von Titus und es war für Jasmin. Nicht für Mama. Nein, für Jasmin. Selber ausgewählt, selber bestellt und selber bezahlt. Sie hatte gespart und gewartet und jetzt war es da. Gekommen mit der Post, ganz normal verpackt, saß es auf dem Küchentisch. An Jasmin, von Titus.

Sie nahm es vom Tisch. Es war schwer. „Titus.“ Sie las den Absender noch mal. „Titus.“ Ihre Pupillen weiteten sich mit freudiger Aufregung. Es klapperte, als sie es schüttelte und ließ sie grinsen. Sie klemmte sich ihr Paket unter den Arm und rannte in den Flur, packte ihr Board und riss die Tür auf. Der Frühling kitzelte ihr in der Nase und Vogelzwitschern drang ins Haus.

„Wo willst du denn hin, junges Fräulein?“

Jasmins Sneakers quiekten leise auf den Brettern der Veranda. „Du hast immer noch Hausarrest.“

„Aber Ma …“

„Nichts aber!“

Jasmins Augen rollten genervt in ihren Höhlen. Sie trat zurück ins Haus und schlug die Tür zu. Ihr Blick sprühte Blitze auf ihre Mutter, aber Eleanor ließ das kalt. „Und das Paket, kannst du haben, wenn deine Hausaufgaben fertig sind.“

Aus den Blitzen wurde ein Gewitter, aber Eleanor hielt ihm stand. Widerwillig übergab Jasmin das Päckchen und stapfte die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie ließ die Tür hinter sich ins Schloss krachen und fiel auf das Bett. Das Telefon hatte sie immer griffbereit in der Gesäßtasche.

Jasmin: „Sie sind da!“

„Komm rüber wir könn sie gleich einbaun“ :MJ

Jasmin: „Geht nich meine ma lässt mich nich“

„Kannst du nich abhauen“ :MJ

Die Tür ging auf und Eleanor kam mit einem Wäschekorb unter dem Arm herein. „Ach ne, sind deine Hausaufgaben etwa schon fertig?“

„Ma! Schon ma‘ was von anklopfen gehört?“

Eleanor ging auf so etwas nicht mehr ein. Fordernd hielt sie die Hand auf. „Du kriegst das Telefon wieder, wenn deine Aufgaben erledigt sind.“

„Aber Ma!“

„Je weniger Theater du machst, desto schneller bist du fertig.“

Jasmin schnaufte wütend und rutschte vom Bett. Schäumend übergab sie das Telefon und setzte sich an den Schreibtisch. „Dann lass mich jetzt aber in Ruhe, damit ich mich konzentrieren kann.“

Mit der Geduld, die nur eine liebende Mutter aufbringen kann stellte Eleanor den Wäschekorb ab und verließ das Zimmer.

Jasmin riss die oberste Schublade auf und wühlte darin herum, aber da war es nicht. Auch in der Zweiten nicht. Sie hatten es nicht mehr benutzt, seit sie alle ein eigenes Telefon hatten. Sie blickte unter das Bett und kramte zwischen all den verlorenen Schätzen, bis ihre Finger die vertrauten Formen spürten. Dieses Ding war älter als sie, vielleicht sogar älter als sie und MJ zusammen. Von dem einst satten Schwarz war nur wenig übrig und das Metall schimmerte grau durch zahlreiche Kratzer im Lack. Ob es noch ging? Keine Frage. Ob MJ ihres an hatte? Wohl eher nicht. Jasmin schaltete es ein und drückte auf den roten Knopf. „MJ kannst du mich hören?“

Statisches Rauschen.

„MJ?“

Statisches Rauschen. So ein Mist!

„Jas?“

Jasmins Puls raste.

„Jasmin, bist du da?“

„Oh mein Gott! Du kannst Gedanken lesen.“

„Logisch kombinieren kann ich. Wenn du mitten im Chat abbrichst, ist ja wohl alles klar.“

„Ich konnte sie noch nicht mal auspacken!“

„Deine Ma mäht vorm Haus Rasen. Wenn du dich beeilst, kannst du durch die Hintertür raus.“

Jasmin sprang vom Boden auf. Leise öffnete sie die Tür und schlich auf den Flur hinaus. Die Dielen knarrten gespannt. Die Tür zum Bad quiekte. Jasmin hielt die Luft an und spähte aus dem Fenster neben der Toilette.

Die Straße vor dem Haus lag ruhig in der Nachmittagssonne. Auf der anderen Seite konnte sie hinter einem Fenster MJs schlanke Figur erahnen. Unter ihr schob Eleanor den dröhnenden Rasenmäher von Grundstücksgrenze zu Grundstücksgrenze.

Die Möglichkeit am Schopfe packend, machte Jasmin auf dem Absatz kehrt. Sie rutschte das Treppengeländer herunter, packte das Longboard und riss das Paket gierig vom Tisch. Bereit für die Freiheit hinter der Küchentür griff sie nach der Klinke und … „Fuck!“

Alles Rütteln und Fluchen half nicht, die Tür war verschlossen.

„Eins zu Null für dich, Ma.“

Das Brummen vor dem Haus verstummte. Die drohende Stille wurde von einem Krächzen aus ihrer Gesäßtasche gebrochen.

„Jas, sie ist fertig!“

Das Board unter dem einen, das Paket unter dem anderen Arm flüchtete Jasmin vor dem Knacken des Schlüssels in der Eingangstür, in die Sicherheit ihres Zimmers.

„Von Titus, an Jasmin“, las sie bäuchlings auf dem Bett liegend. Die Verpackung fiel zerschnitten auf das Laken. Mit lautem Ratschen zerrissen ungeduldige Finger den Karton. Und dann lagen sie da; das pinke Polyurethan ein greller Kontrast auf dem dunklen Laken. Jasmin merkte nicht, wie ihre Zimmertür sich öffnete.

„Junges Fräulein! Das war’s ja wohl mit Longboard fahren für’s erste!“

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