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20. Jan 2018

Wenn der Kuckuck dreimal klopft

Cavan saß in seiner winzigen Küche und starrte auf die halbe Dose Bohnen in Tomatensoße und den Kanten Brot. Sein graues Haar stand kraus zu allen Seiten ab. Er löste die braunen Augen von seinem baldigen Abendessen und ließ sie nochmals über die Schränke, von denen die einst weiße Farbe blätterte, wandern. In ihnen war jetzt nichts Essbares mehr.

Das Knurren seines Magens holte ihn in die Gegenwart zurück. Die Gicht-steifen Finger griffen nach dem Buttermesser auf dem klapprigen Küchentisch. Mit zittrigen Händen kratzte er über die grüne Stelle im Brot.

Von unter dem Tisch kam ein Fiepen. Cavans knotige Hand beruhigte den mageren Irischen Wolfshund.

„Schon gut mein Junge.“

Cavans Hüfte knackte, als er sich von dem hölzernen Stuhl hievte. Einen Moment stand er an den Tisch gelehnt, auf wackeligen Knien und suchte sein Gleichgewicht. Nachdem er sich traute, die Tischkante loszulassen, nahm er die Dose. Von seinem Hund beobachtet schlurfte er zum Herd, stellte den Topf darauf und schüttete die Bohnen hinein. Er drehte den Gashahn auf und drückte den Zünder.

Tick tick tick – nichts.

Erneut versuchte er es. Tick tick tick.

Er ließ den Zünder los, denn er erinnerte sich an den letzten Brief von der Gasgesellschaft.

Zurück am Tisch schob er die ungeöffneten gelben Umschläge beiseite und stellte die kalten Bohnen vor seinen Platz.

Der Hund quiekte. Cavan kraulte ihn hinter dem Ohr. „Es wird schon wieder gut.“ Er nahm das harte Brot und legte es dem Tier vor die Pfoten. Die schwarz glänzende Nase beugte sich zu der Offerte und schnüffelte. Nachdem der Hund seinen Kopf auf seine Beine gelegt hatte, seufzte Cavan. „Schon gut, alter Junge.“ Er nahm das Brot und stellte die Bohnen an dessen Stelle.

Es klopfte an der Tür. Cavan zögerte und horchte, unsicher, etwas wahrgenommen zu haben, doch zur Bestätigung klopfte es erneut. Seine Hüfte schmerzte beim Aufstehen. Seine Knie knackten und knirschten. Wieder klopfte es.

„Ich komme schon.“

Vor der Tür stand eine junge Blondine in einem anthrazit farbenen Geschäftskostüm.

„Guten Tag, Olga Kever mein Name. Gerichtsvollzieherin. Sind Sie Herr Make?“

Cavan nickte.

„Cavan K. Make?“

„Ja. Bitte, kommen Sie rein.“ Er schlurfte in die Küche und bot der Frau einen Stuhl an, bevor er sich, ein Ächzen unterdrückend, auf seinem Platz niederließ. Sie verharrte mit leicht geöffneten Mund. Einen Moment war nur das Schmatzen des Hundes zu hören. Cavan beobachtete ihre blauen Augen, die über die leeren Schränke wanderten. „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“

Olga blinzelte verlegen. „Äh … nein, danke.“

Cavan, erleichtert über ihre Antwort, konnte dennoch nicht aufhören, mit dem gichtigen Daumen an seinem Teller zu fingern. Als er sah, wie die Frau auf das harte, schimmelige Brot schaute, schob er es beiseite und senkte den Blick. Endlich setzte die Dame sich auf den angebotenen Stuhl.

„Herr Make, ist das ihr Auto in der Einfahrt?“

Cavan nickte.

„Herr Make, es wurde ein … “, sie räusperte sich und begann erneut, „Herr Make, es wurde ein Pfändungstitel gegen Sie erwirkt.“ Sie legte ein Schreiben auf den Tisch. Ihr Kugelschreiber huschte über Ihren Notizblock. „Ich muss ihr Fahrzeug heute pfänden. Ich werde beim Rausgehen ein Pfandsiegel anbringen. Das bedeutet für Sie, dass jegliche weitere Nutzung untersagt ist. Sollten Sie dem nicht nachkommen, machen Sie sich des Siegelbruchs strafbar. Haben Sie das verstanden?“

Cavan, die Augen auf den Boden gerichtet, nickte.

„In den nächsten Tagen wird eine Parkkralle angebracht.“ Ihre Stimme zitterte unmerklich.

Cavan hatte wieder begonnen, mit dem Daumen an seinem Teller zu spielen.

„Das ist Ihre Kopie des Pfändungsprotokolls.“ Sie riss das Papier von Ihrem Block und schob es Cavan zu. „Auf der Rückseite finden Sie weitere Details und an wen Sie sich wenden können, falls Sie Einspruch einlegen möchten.“

Cavans Augen blieben starr auf den Brotkanten geheftet. Die Blondine erhob sich, um zu gehen, doch zögerte. Cavan konnte ihren Blick spüren, wie sie ihn musterte. Ein Reißverschluss ratschte auf. Die Frau wühlte in ihrer Handtasche. Ein Knopf poppte und ihre schlanken Finger legten einen Fünfer auf den Tisch. Cavan schaute nicht auf. Zitternd nahm er den Schein und verstaute ihn in seiner Hosentasche. Die Frau stand immer noch da und schluckte. Ein weiterer Griff in ihre Geldbörse beförderten noch ein paar Geldscheine hervor, dann verschwand sie eiligen Schrittes. Das Stakkato ihrer Stöckelschuhe hallten noch nach, während Cavan auf das Geld starrte. Der Hund leckte sich die Schnauze und legte den Kopf in Cavans Schoß. Der kraulte ihn hinter dem Ohr. „Es wird alles wieder gut.“ Die Birne in der Deckenlampe flackerte und das Licht ging aus.

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